Robin L.- Von einem Polizisten erschossen

Am Sonntag den 07. Oktober 2018 wurde in Bad Oldesloe der 22-jährige Robin L. von einem Polizisten erschossen. Laut Medienberichten wurde die Polizei am Vormittag des 07.Oktober gerufen. Nachbar*innen hatten gemeldet, dass Robin L. mit einem Messer auf der Straße herumlief.

Die Polizeibeamten des zuerst eintreffenden Streifenwagens gaben einen Warnschuss ab, woraufhin Robin L. die Flucht ergriff und wegrannte. Ein zweiter Streifenwagen kam dazu, ein Polizist zielte auf Robin L. und gab zwei tödliche Schüsse auf die Brust ab. Robin L. starb noch am Tatort. Ungeklärt bleibt bisher, weshalb der Polizist gleich zwei Mal auf den Oberkörper und nicht etwa aufs Knie von Robin L. gezielt hat? Weshalb war es den Beamten der insgesamt drei gerufenen Streifenwagen nicht möglich, die Situation anders in den Griff zu bekommen? Welche konkrete Bedrohung ging nun tatsächlich von dem jungen Mann aus? Nach Paragraf 258 des Landesverwaltungsgesetzes ist der Gebrauch von Schusswaffen seitens der Polizei zulässig, „um eine gegenwärtige Gefahr für Leib oder Leben abzuwehren“ – allerdings nur, um Personen „angriffs- oder fluchtunfähig zu machen“.

Die anschließenden Reaktionen sind bezeichnend – der Tod des jungen Mannes bleibt ohne große Aufmerksamkeit. Ein paar Zeitungen veröffentlichen kurze Berichte, schon wenige Tage nach dem Vorfall ist die Öffentlichkeit sich quasi sicher, die Polizei hätte aus Notwehr gehandelt und es gäbe nichts weiter zu fragen, zu kritisieren, zu ermitteln. Die Medienberichte stellen stets besonders heraus, dass Robin L. obdachlos war. Zudem betonen sie immer wieder, der getötete Robin L. sei psychisch krank gewesen – als ob dies den Tod des jungen Mannes irgendwie nachvollziehbar machen würde, als würde dies das brutale und tödliche Vorgehen der Polizei irgendwie rechtfertigen. Kiels Innenminister Grote meldet sich Tage später auch zu Wort und spricht von einem „tragischen Vorfall“. Die offizielle Stellungnahme der Polizei fokussiert maßgeblich darauf, zu betonen, welch psychologische Belastung ein solches Ereignis auch für den schießenden Polizeibeamten haben kann. Statt die tödliche Konsequenz für das Opfer zu thematisieren und zu reflektieren und aufzuarbeiten, wie es dazu kommen konnte, wird sich also um die Verfassung des Täters gesorgt.

All dies verstehen wir als Ausdrucksformen eines gesellschaftlichen Ressentiments. Polizeigewalt in Deutschland ist ein strukturelles Problem. Polizist*innen, die zu Täter*innen werden, müssen sich in den seltensten Fällen dafür verantworten. Es existiert keine unabhängige Institution, die Polizeigewalt überwacht oder kontrolliert. Menschen, die obdachlos sind oder als psychisch krank gelesen werden, sind dabei besonders gefährdet. In der medialen Berichterstattung wird Gewalt gegen Obdachlose verharmlost und entpolitisiert.  Die Mehrheitsgesellschaft reagiert mit Ignoranz und Gleichgültigkeit.

Ausgrenzung und Gewalt gegen wohnungslose und sozial ausgegrenzte Menschen ist ein alltägliches Phänomen in unserer Gesellschaft und zeigt sich in unterschiedlicher Form. Aktuell findet im öffentlichen Raum eine verschärfte Vertreibungs- und Verdrängungspolitik statt. Neben repressiven Maßnahmen wie Bettelverboten und Platzverweisen, kommt es auch häufig zu handfester Gewalt. Menschen, die auf der Straße leben, sind oft ohne Rückzugsraum und damit besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden. Neonazis begehen bis heute immer wieder Morde an Menschen, die obdachlos sind oder an Menschen, die sie für obdachlos halten, und wähnen sich damit als Vollstrecker*innen des „Volkswillen“. Die Amadeu Antonio Stiftung spricht beispielsweise von 28 durch rechte Gewalt ermordeten Obdachlosen von 1989 bis 2010 (vgl. Teidelbaum 2013, S. 7). Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. listet von 1989 bis Mitte 2009 167 Menschen auf, die von Täter*innen außerhalb der Wohnungslosenszene ermordet wurden, dazu kommen 366 Körperverletzungen mit schweren Folgen (vgl. Teidelbaum 2013, S. 7). Auch von Polizist*innen, Mitarbeiter*innen von Ordnungsämtern, sowie von privaten Sicherheitsdiensten gehen immer wieder gewaltsame Übergriffe gegen wohnungslose Menschen aus.  Man kann überdies von einer hohen Dunkelziffer bezüglich der Gewaltangriffe ausgehen. Oft kommt Gewalt an Obdachlosen nicht zur Anklage, unter anderem wegen eines Misstrauens gegenüber der Polizei. Dies scheint angesichts von mehreren öffentlich gewordenen Fällen von Polizeigewalt auch berechtigt. Diesen Fällen von Gewalt gegen und Mord an Obdachlosen ist gemeinsam, dass sie in der Regel eine geringe mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten und wenig Empörung hervorrufen. Selbst wenn es also zur Anzeige kommt oder ein Angriff öffentlich wird, gibt es wenig gesellschaftliche Resonanz, wenig Interesse. Dies zeigt auch der aktuelle Fall erneut in aller Deutlichkeit: Sogar wenn ein Polizist an einem Sonntagvormittag auf offener Straße einen Obdachlosen erschießt, kommt das nicht mal in die Tagesschau.

Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen von Polizeigewalt und Obdachlosen-Feindlichkeit. Familie, Freund*innen und Vertrauten von Robin L. wünschen wir Kraft in der Trauer.

 

 

 

 

Teidelbaum, Lucius (2013): Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Münster: Unrast (transparent – rechter rand, 13).

 

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D.I.Y. Literaturabend: Sektchen, Schnittchen und Textchen rund ums Thema „Asozialität“

Ein Abend zum Vorlesen und Vorgelesen bekommen verschiedenster Texte!

Punker Parodien am Bahnhofsplatz, Lidl Lyrik oder Penny Poesie, Asoziale Aphorismen,
Vagabunden Verse und Berichte über BummelantInnen, Legenden über´s Lungern und Romane über RandaliererInnen, Novellen des Nichts-Tuns,  Anekdoten über Arbeitsscheue, Satire über Störenfriede – es könnte ewig so weitergehen.

Kurzum: Bringt eure Bücher und Texte mit!

Jedes Wortfitzelchen das euch gefällt und bewegt kann mitgebracht und
vorgelesen werden, Austausch, Diskussion, Zuspruch, Widerspruch, Neues kennenlernen oder Altbewährtes genießen. Willkommen ist auch jede*r, die nur zuhören mag.

Es gibt Häppchen und Wein.

Mittwoch 20. Juli
ab 19 Uhr
Jupi Bar im Gängeviertel
Caffamacherreihe 37–39 / Ecke Speckstrasse

Abschlusskonzert mit Hamburger Abschaum, Gedrängel und Arbeitsscheu Reich

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Alle Ungehorsamen, Trunkenbolde, Störenfriede, Müßiggängerinnen* und Müßiggänger, Lungerfreundinnen* und Lungerfreunde, Taugenichtse und Proleten:

Kommt am 10. Juni um 21 Uhr zusammen und zelebriert:

Arbeitsscheu Reich (Punk aus Ostfriesland/ Leipzig)
https://arbeitsscheureichihrpenner.bandcamp.com/releases

Gedrängel (Punk aus Köln)
https://gedraengel.bandcamp.com/

Hamburger Abschaum (Punk aus HH)
http://www.hamburger-abschaum.de/

SPEZIELL FÜR EUCH:
Es wird Solicocktails und Pfeffi geben.

Erste Stolpersteine für als „asozial“ Verfolgte in Berlin

Morgen, am 21.04. werden am Alexanderplatz Stolpersteine für fünf wohnungslose Männer verlegt, die im NS als „Asoziale“ stigmatisiert und verfolgt wurden. Von 6600 in Berlin verlegten Stolpersteinen sind dies die ersten für Menschen dieser Verfolgtengruppe.

Pressemitteilung der Stolperstein-Verlegung in Berlin.

An den Stolpersteinen als Form des Gedenkens gibt es auch zahlreiche Kritikpunkte. Zum einen die Reduktion der Menschen auf Daten ihrer Verfolgungsgeschichte. Teilweise gibt es deshalb inzwischen Veröffentlichungen von zugehörigen Kurz-Biographien, die online abrufbar und nachzulesen sind. Zum Anderen gab es auch z.B. in Hamburg eine heftige Debatte um die Reproduktion von Täter_innen-Sprache auf den Stolpersteinen. Begriffe wie „Gewohnheitsverbrecherin“ oder „Rassenschande“ auf den Steinen, also die Haftgründe auf Basis der NS-Ideologie, stigmatisierten die Betroffenen erneut.
Anne Allex und Liane Lieske vom AK Marginalisierte haben gerade einen Offenen Brief zum Thema an den Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig veröffentlicht:
http://www.marginalisierte.de/index.php/home

Zeitungsartikel zum Thema:

Petra Schellen: Über Sprache stolpern, vom 20.10.2014, online-Auftritt der taz.

Daniel Killy: Stolpersteine als Stolperfalle, vom 30.10.2014, online-Auftritt der Jüdischen Allgemeinen.

Philipp Woldin: Gravierender Vorwurf, vom 27.11.2014, online-Auftritt der ZEIT.

Wie die konkrete Gestaltung der neuen Steine in Berlin aussieht, bleibt in den Pressemitteilungen unklar. Bisher lassen sich nicht mal die Namen derer finden, denen da gedacht werden soll.

Lesung zum Jugendkonzentrationslager und späteren Vernichtungsort Uckermark

Wir weisen hiermit auf eine Veranstaltung der Initiative für einen Gedenkort Uckermark hin:

Sie wollen dich brechen, deine Selbstachtung vernichten.
Stanka Krajnc Simonetti

Seit 2010 gibt es eine Ausstellung zum Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen und Späteren Vernichtungsort Uckermark, erstellt von der Hamburger Gruppe der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark. Zu dieser Ausstellung gibt es nun eine begleitende Textsammlung. Diese liefert Hintergrundinformationen zur Ausstellung und hat folgende Schwerpunkte: Staatliche Fürsorge, Jugend im Nationalsozialismus und Kontinuitäten nach 1945.

Das Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen in der Uckermark wurde im Frühjahr 1942 von Häftlingen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück errichtet. 1945 zählte das Lager ca. 1000 Mädchen und junge Frauen. Ein Erlass von 1937 über die „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ hatte die Inhaftierung von als „asozial“ kriminalisierten Mädchen möglich gemacht.

Im Januar 1945 wurde auf dem Gelände ein Vernichtungslager für Häftlinge aus Ravensbrück und anderen Konzentrationslagern gebaut. Bis April 1945 wurden dort ca. 5000 Frauen umgebracht.

Bis heute ist wenig über die Geschichte dieses Konzentrationslagers bekannt. Die dort Inhaftierten zählten lange Zeit zu den „vergessenen Verfolgten“ des Nationalsozialismus und haben keine öffentliche Anerkennung erfahren.

Flyer zur Veranstaltung

www.gedenkort-kz-uckermark.de


Mittwoch 20. April 2016
Beginn: 20 Uhr
Einlass: 19:45 Uhr
Buchhandlung im Schanzenviertel
Schulterblatt 55
Eintritt: 3,- Euro

Soliparty

Da die Veranstaltungsreihe Geld gekostet hat, werden wir einige Soliaktionen durchführen. Unter anderem koopieren wir mit einer Party, die am 22. April im Waagenbau stattfindet, siehe hier: https://www.facebook.com/events/1735377463413977/

So gehen alle Gewinne dieser Party an den AK Kritische Asozialität, der von April bis Juni 2016 die Veranstaltungsreihe „Vom Sozialschmarotzer zum Gossenboss. Asozialität als Konstrukt, Verfolgungsgrund und Hype“ in Hamburg organisiert.paulakrawallunddiebe_vorschau

KRAWALL UND DIEBE

Paulas Geburtstagsrave.
Diesmal ausschließlich Frauen* hinterm DJ Pult.
Alle sind willkommen, außer Nazis und Sexisten.
An den Bierpreisen wird geschraubt, der Pfeffi kalt gestellt und Visuals an die Wand geworfen.

Großer Floor:
Ira & I (Subspace)
Melbo
Nicole Hohmann (Villa Nova)
Redlips (AYCD/LikeBirdz)

Kleiner Floor:
Bandulera (Hoch10/Funkykartell)
Pop á la Pop (Welt*Raum/SKF)
SoSo&ReRe (Moloch)

Visuals: Chuchu
Layout und Deko: Kid Overhead

Eintritt 7,- Euro

Film: „dass das heute noch immer so ist… – Kontinuitäten der Ausgrenzung“

Der Dokumentarfilm „…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung“ schildert exemplarisch die Geschichte von Verfolgung und Stigmatisierung sogenannter Asozialer im Nationalsozialismus. Maria Potrzeba wurde vorgeworfen, eine sexuelle Beziehung zu dem polnischen Zwangsarbeiter Florian Spionska zu haben. Sie war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt. Nach einem Verhör durch die Gestapo wurde sie in das Jugendkonzentrationslager Uckermark eingeliefert. Florian Spionska wurde öffentlich gehängt. Maria leidet bis heute unter der Verfolgung. Wie in allen Familien gibt es auch in ihrer Familie generationsübergreifende Auswirkungen der Verfolgungsgeschichte. Nichten und Neffen berichten, wie sie von der Verfolgung ihrer Tante erfahren haben und was diese Geschichte für sie bedeutet.

Wann? Freitag, 27. Mai 2016, 19:30 Uhr
Wo? Villa Dunkelbunt, Barnerstraße 42 (Hinterhof)

„Normalisierung und Nicht-Arbeit: Hippies, Gammler und Langhaarige in den sechziger Jahren“

Vortrag mit Bodo Mrozek

Mitte der sechziger Jahre rückten langhaarige junge Männer ins Zentrum einer gesellschaftlichen Debatte, die ältere Sozialtypen wie den „Eckensteher“ oder den „Halbstarken“ aktualisierte. In Kontroversen über Jugendliche, die mit demonstrative Nicht-Arbeit in den Stadtzentren provozierten, verdichteten sich Diskurse über jugendliches Verhalten, Männlichkeit und Weiblichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes und die Zuständigkeiten des Staates. Die gegen Abweichler*innen in Stellung gebrachte Nützlichkeitsideologie wurde von Denormalisierungsängsten grundiert und mobilisierte neue Regierungstechnologien, führte aber langfristig zu veränderten Rollenbildern. Der Vortrag kontextualisiert Fallbesipiele aus der Bundesrepublik mit internationalen Debatten über Asozialität.

Wann? Dienstag, 10.Mai 2016, 19:30 Uhr
Wo? Infoladen Wilhelmsburg, Fährstr.48

Fahrradtour: Auf den Spuren des Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg (1943-1945)

Fahrradtour mit Martin Reiter.

Das Arbeitserziehungslager (AEL) Wilhelmsburg wurde im April 1943 auf Antrag der Gestapo Hamburg eingerichtet. In den Planungen 1941 waren die AEL noch maßgeblich zur “Disziplinierung” der deutschen Arbeiter gedacht, später wurden vor Allem ausländische Zwangsarbeiter*innen hier inhaftiert. Bisher lassen sich Häftlinge aus mindestens 15 Ländern nachweisen. Im AEL sollten den Häftlingen jeglicher Widerstandswille gebrochen werden. Die Bedingungen waren sehr hart. Mindestens 182 Menschen überlebten die Haftzeit in Wilhelmsburg nicht. Diejenigen, die überlebten, kamen schwer gezeichnet in die Betriebe zurück, wo sie dem Rest der Belegschaft als Abschreckung dienen sollten.

Die Radtour dauert ca. 3 Std. und macht zwischen Altona und Wilhelmsburg an mehreren Stationen Halt.

Wann? 29.Mai, 11:00 – 14:00 Uhr
Wo? Viktoria Kaserne, Zeiseweg 9, 22765 Hamburg

je suis asozial

Vortrag und Diskussion mit dem Arbeitskreis kritische Asozialität und Sebastian Friedrich.

In unserem Alltag ist die Affinität zum Asozialen längst Praxis geworden – im schmuddeligem Unterhemd, miesem Jogger, Dosenbier und Vokuhila Perücke erobern wir die Trash Parties dieser Stadt. Verranzte Eckkneipen werden zum Place to be, und wer dann Leute in Steilshoop mit Handschlag begrüßt, hat’s endgültig geschafft. Cool ist, wer vor´m Kiosk säuft, und die neuen Adiletten der Straße präsentiert.

Die Aneignung des Asozialen finden in unterschiedlichen (Jugend-)Szenen statt – so auch beim Fußball, Hip Hop oder Punk. Aber was wird überhaupt als asozial verhandelt und was ist so faszinierend daran? Wie kann eine kritische Reflektion dessen aussehen und wie der Hype trotzdem aufrechterhalten werden? Und was ist eigentlich Slumming?

Wann? 6. Juni, 20 Uhr
Wo? Südpol, Süderstraße 112