„asozial“ und „arbeitsscheu“ – Stigmatisierung und Verfolgung im Nationalsozialismus

Vortrag mit Yvonne Robel (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg).

Als „asozial“ oder „arbeitsscheu“ wurden bereits in der Weimarer Republik die unterschiedlichsten Menschen stigmatisiert: sogenannte „Landstreicher“ und „Zigeuner“, Mittellose, Wohnungslose, Homosexuelle sowie Prostituierte. Dabei handelte es sich um Kategorien, die einer permanenten Aushandlung unterlagen. Dies machte sie hoch anschlussfähig für die nationalsozialistische Ideologie, in deren Kontext „Asoziale“ als „innere Feinde“ der deutschen Volksgemeinschaft eingestuft wurden. Ihre Verfolgung legitimierten die Nationalsozialisten als „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“.

Doch wer oder was entschied darüber, dass Menschen als „Asoziale“ galten und als solche verfolgt wurden? Inwiefern hatten Mitarbeiter_innen der Kriminalpolizei oder der Fürsorgeeinrichtungen dabei ihre eigenen Definitions- und Handlungsspielräume? In welcher Weise veränderte sich der Umgang mit als „asozial“ stigmatisierten Menschen während des Nationalsozialismus?

Der Vortrag geht diesen Fragen nach, um innere Dynamiken der Verfolgung sogenannter „Asozialer“ aufzuzeigen, beteiligte Akteure und spezifische Zwangsinstitutionen zu beleuchten und schließlich die enge Verwobenheit sozialpolitischer, erbbiologischer und rassenideologischer Zuschreibungen zu diskutieren.

Präsentiert von: Die Untüchtigen

Wann? Sonntag, 10. April, 20:15 Uhr
Wo? Golem, Große Elbstraße 14, 22767 Hamburg

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Vom Sozialschmarotzer zum Gossenboss

Der AK kritische Asozialität setzt sich mit der Konstruktion des „Asozialen“, der historischen Verfolgung und ihrer Kontiunität bis in die Gegenwart und der Annäherung an das Phänomen der positiven Aneignung des „asozialen“ auseinander. Die hieraus entstandene Veranstaltungsreihe „Vom Sozialschmarotzer zum Gossenboss. „Asozalität“ als Konstrukt, Verfolgungsgrund und Hype“, die von April bis Juni 2016 in Hamburg stattfand, ist ein Versuch, verschiedene Aspekte des „vergessenen“ Themas anzureißen und eine Debatte hierüber anzustoßen.

In Kooperation mit: AgfJ (Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände), KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg.

4. April:  Wege aus der Unsichtbarkeit
Podiumsdiskussion über Anerkennung, Entschädigung und Repräsentanz

 

10. April: „asozial“ und „arbeitsscheu“ – Stigmatisierung und Verfolgung im Nationalsozialismus
Vortrag zur Situation von als „asozial“ Stigmatisierten im Nationalsozialismus

 

19. April:  „Asoziale“ in der DDR
Vortrag zur Kriminalisierung und Ausgrenzung als Kehrseite der sozialistischen (Arbeits)Gesellschaft

 

10. Mai: Normalisierung und Nicht-Arbeit: Hippies, Gammler und Langhaarige in den sechziger Jahren
Vortrag zu Jugendbewegungen entgegen der Nützlichkeitsideologie der frühen BRD

 

18. Mai: Obdachlosen Feindlichkeit
Vortrag zu Ausgrenzung, Feindschaft und Gewalt gegenüber Obdachlosen

 

13. Mai – 29. Mai:  Ausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“
Ausstellung über die Repression gegenüber wohnungsloser Menschen im Nationalsozialismus

 

27. Mai: Film: „dass das heute noch immer so ist… – Kontinuitäten der Ausgrenzung“
Dokumentarfilm über das Schicksal von Frauen, die im NS als „asozial“ verfolgt wurden und die anhaltende Stigmatisierung.

 

29. Mai: Fahrradtour – auf den Spuren des Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg
Stadtrundfahrt mit Informationen zu Orten und historischen Ereignissen zum Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg

 

4. Juni:  Gedenkstättenfahrt nach Ravensbrück und Uckermark
Busfahrt zur  KZ-Gedenkstätte Ravensbrück und des Gedenkort Uckermark mit Führungen vor Ort.

 

6. Juni: Je suis Asozial
Input und Diskussion zu (subkultureller) Aneignung, Slumming und Hype um Jogginghosen

 

10. Juni: Hamburger Abschaum, Gedrängel & Arbeitsscheu Reich

Konzert zum Abschluss der Veranstaltungsreihe

 

 

Fahrt in die KZ-Gedenkstätten Ravensbrück und Uckermark

Die maximale Teilnehmer*innenzahl ist erreicht-

kommt bitte nur zum Treffpunkt der Abfahrt, wenn ihr eine eindeutige Zusage erhalten habt.

…wer sich der in einem nationalsozialistischen Staate selbstverständlichen Ordnung nicht einfügen will.“*

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Das Konzentrationslager Ravensbrück (1939-1945) war das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. 1939/40 war die größte Gruppe unter den Häftlingen als „asozial“ gekennzeichnet. Als asozial galten im Nationalsozialismus Wohnungslose, sogenannte „Arbeitsscheue“, Fürsorge-Empfänger_innen, Bettler_innen; Frauen insbesondere auch dann, wenn sie als Prostituierte arbeiteten, abgetrieben hatten oder ihnen vorgeworfen wurde, in anderer Form gegen die Sittenregelungen der NS-Gesellschaft zu verstoßen.

Auch im Jugendkonzentrationslager Uckermark waren überwiegen Mädchen und junge Frauen inhaftiert, die als „asozial“ stigmatisiert wurden.

Während auf dem Gelände des ehemaligen KZ Ravensbrück inzwischen eine staatlich finanzierte Gedenkstätte die Geschichte des Ortes und das Schicksal der Häftlinge thematisiert, ist das Gelände des ehemaligen Jugendkonzentrationslager und späteren Vernichtungslager Uckermark überwiegend eine Brachfläche. Für die Erinnerung an die Opfer und die Enstehung eines Gedenkorts setzen sich selbstorganisierte (queer-)feministische und antifaschistische Initiativen ein, u.a. mit Workcamps auf dem Gelände.

Bei einer Busfahrt von Hamburg zu beiden Orten wollen wir der Geschichte und Nachgeschichte nachgehen. In der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück werden wir eine Führung über das Gelände und durch die Ausstellung bekommen, in dem ein Schwerpunkt auf die Häftlingsgruppe der „Asozialen“ gelegt wird. Anschließend werden wir das Gelände des ehemaligen Jugendkonzentrationslagers Uckermark begehen, Aktivist_innen der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark werden von der Geschichte des Ortes berichten, aber auch den erinnerungspolitischen Umgang thematisieren.

Mit dem Besuch der unterschiedlichen Gedenkorte wollen wir auch versuchen, eine Idee davon zu gewinnen, warum vielleicht gerade das ehemalige Jugend-KZ Uckermark zu den „vergessenen Orten“ zählt.

Wann? 04.Juni 2016, 09:00-20:00 Uhr
Wo? Treffpunkt S Sternschanze

Fragen und Anmeldung bis zum 16.Mai 2016 unter: Ak-kritische-asozialitaet@gmx.de, Teilnahme kostenlos!

Homepage der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: http://www.ravensbrueck.de/mgr/index.html

Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark: http://www.gedenkort-kz-uckermark.de/

In Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft freie Jugendverbände (AgfJ)

*(Grunderlass RSHA zur „Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“)

Ausstellung: Wohnungslose im Nationalsozialismus

Die Ausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus ist vom
13.Mai – 29.Mai in der FUX (ex- Kaserne) im 2. Stock West , Veranstaltungsraum, Bodenstadt Str. 16 (Eingang über den Hof) zu sehen!

Bereits im September 1933 gab es eine große einwöchige Verhaftungswelle gegen Bettler und Wohnungslose, durchgeführt von Polizei und SA. Die „Razzia“ wurde begleitet von einer breiten öffentlichen Berichterstattung und medialer Hetze gegen sogenannte „Asoziale“, „Arbeitsscheue“ und „Gemeinschaftsfremde“. 1938 bildete die Gruppe der seitens der nationalsozialistischen Ideologie als „asozial“ Verfolgten zeitweise die größte Häftlingsgruppe in den bestehenden Konzentrationslagern, unter ihnen auch zahlreiche Wohnungslose.

Ihrer Geschichte widmet sich seit 2004 eine Wandersausstellung, von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe entwickelt. Folgende Themen werden in der Ausstellung behandelt:

  • Wohnungslose in der Weltwirtschaftskrise

  • Die Bettlerrazzia vom September 1933

  • Arbeitshäuser

  • Ein Wandermusiker im Arbeitshaus Breitenau

  • Die Fachdebatte über Wohnungslose und »Asoziale«

  • Wohnungslose als Objekte der Rassenhygiene

  • Zwangssterilisationen von Wohnungslosen

  • »Asoziale Großfamilien«

  • Kontrolle der Wohnungslosen und »geordnetes Wandern«

  • Der bayerische »Landesverband für Wanderdienst«

  • Die Aktion »Arbeitsscheu Reich« 1938

  • Zwei Einzelschicksale von in den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenhausen umgekommenen wohnungslosen Männern

  • Zwei Einzelschicksale von im Konzentrationslager Auschwitz umgekommenen wohnungslosen Frauen

Recherche, Texte und Inhalte bestimmte Wolfgang Ayaß, die grafische Umsetzung Hans-Georg Vogt.

„Asoziale“ in der DDR – Kriminalisierung und Ausgrenzung als Kehrseite der sozialistischen (Arbeits)Gesellschaft

Vortrag mit Matthias Belke-Zeng.

Arme und Aussätzige – Phänomene aller Gesellschaftsformen seit der Sesshaftwerdung der Menschheit mindestens in Mitteleuropa – wurden in den unterschiedlichen Phasen gesellschaftlicher Entwicklung marginalisiert und verfolgt. Auch in der DDR wurden sogenannten „Asoziale“ verfolgt und unter einen Begriff gefasst, und hier sogar erstmals und einzig als juristisch zu sanktionierendes gesellschaftliches „Übel“ im Strafrecht verankert. Der Beitrag soll einen kurzen Abriss zu diesem Teil deutscher Geschichte bieten, dabei die Entwicklung des Begriffes aber nicht gänzlich außen vor lassen.

 

Wann? Dienstag, 19.April 2016, 19:30 Uhr
Wo? Rote Flora
Achidi-John-Platz 1 (Schulterblatt 71) , 20357 Hamburg

Wege aus der Unsichtbarkeit.

Podiumsdiskussion über fehlende Anerkennung und Entschädigung sowie Strategien der Selbstorganisation und Repräsentanz der als „asozial“ Verfolgten.

Sogenannte „Asoziale“ wurden im Nationalsozialismus entmündigt, zwangssterilisiert, in Arbeitshäusern und Konzentrationslagern zur Arbeit gezwungen und systematisch als „Schädlinge der Volksgemeinschaft“ vernichtet. Auch Sinti und Roma wurden, rassistisch argumentiert, zu dieser Gruppe hinzugezählt.

Die Stigmatisierung und Verfolgung der „Asozialen“ bildet seit über hundert Jahren eine Kontinuität in der Geschichte der (deutschen) Gesellschaft. Die Debatten in der Nachkriegszeit über Entschädigungszahlungen für die Menschen, die im NS als „asozial“ verfolgt wurden und die andauernde gesellschaftliche Verweigerung der Anerkennung als Verfolgte zeigen diese Kontinuität deutlich.

Mit dieser Veranstaltung wollen wir diese Stigmatisierung in ihrer Kontinuität beleuchten, sowie den Kampf um Anerkennung und Strategien der Repräsentanz aufzeigen.

Auf dem Podium:
Anne Allex (Arbeitskreis „Marginalisierte — gestern und heute!“)
Tucké Royal (Zentralrat der Asozialen in Deutschland)

In Kooperation mit der Afrikanischen Union Hamburg.


Wann? Montag, 04.April 2016, 19:30 Uhr
Wo? W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V.
Nernstweg 32, 22765 Hamburg